Literarische Landschaften in Europa

Kooperationsprojekt zwischen dem LK Deutsch De22 L Gymnasium Ulricianum Aurich und dem Deutschkurs des XIII. Liceum Breslau

Förderprojekt der ROBERT BOSCH-Stiftung Stuttgart



Als wir während unserer letzten Austauschbegegnung im Schuljahr 1999/2000 über weitere Möglichkeiten der Kooperation unserer beiden Schulen nachdachten, stießen Beata Janczewska und Tomek Marekwica, die polnischen Deutschkollegen des XIII. Liceum Breslau, und ich auf ein Faltblatt der Robert Bosch Stiftung Stuttgart, die im Schuljahr 1999/2000 zum zweiten Mal den  Förderwettbewerb "Junge Wege in Europa" ausschrieb, der die gemeinsame Projektarbeit von Schülergruppen aus Deutschland und Mittel- und Osteuropa zum Gegenstand haben sollte. Schüler und Jugendliche aus Deutschland und seinen östlichen Nachbarländern sollten hier die Möglichkeit erhalten, sich intensiver kennenzulernen und Partnerschaften aufzubauen. Unsere diesbezüglichen Überlegungen gingen dahin, die bisherigen Austauschbegegnungen dahingehend zu verändern, dass wir versuchen wollten, einen projektbezogenen Austausch zu organisieren, bei dem die Schüler/-innen über längere Projektphasen themenbezogen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten und sich auf diese Weise auch näher kennenlernen sollten: Gemeinsames Handeln durch gemeinsame Arbeit sollte hier zugleich das Kennen lernen der anderen, d.h. das Lernen voneinander ermöglichen.

 

Die Projektidee

Wie von Deutschlehrern nicht anders zu erwarten, ging unsere Grundüberlegung dahin, eine Möglichkeit zu finden, im Bereich des Literaturunterrichts zu kooperieren; Sprachprobleme sahen wir als Leitungsteam nicht, da die Austauschmaßnahme jeweils mit den Schülerinnen und Schülern der bilingualen Deutschklassen des Breslauer Gymnasiums durchgeführt wird.

Ein Anknüpfungspunkt ergab sich schließlich durch unsere Beschäftigung mit Joachim Ritters essayistischem Werk, der sich darin u.a. mit dem Begriff der "literarischen Landschaft" auseinandersetzt. 

Was jedoch ist eine "literarische Landschaft"? 

Nun, jeder hat in der Vergangenheit bisher sicherlich irgendwann interessante Orte und Landschaften kennen gelernt : Der eine oder andere lebt nicht mehr an seinem Geburtsort; wohl jeder denkt hin und wieder an die Landschaft, in der er aufgewachsen ist . Erinnerungen werden wach an je spezifische Situationen, an Erlebnisse mit Freunden, an Menschen, die uns nahe standen oder noch stehen. Und sicher an Träume und Wünsche, die man dort hatte. Wir erinnern uns an Straßen, Plätze und Häuser, an Wälder und Felder, die uns wichtig für unseren Ort, für die Landschaft schienen oder heute noch sind. Oft werden unter Freunden oder in der Familie Erinnerungen ausgetauscht, die Unterschiedliches auslösen können: stille Heiterkeit, aber auch Nachdenken, Sehnsüchte und Wehmut, vielleicht Traurigsein. Das Nachdenken über solche Bereiche wie das Haus, den Ort, die Landschaft, in der ich lebe oder gelebt habe, ist oft zugleich ein Nachdenken über die Beziehungen dazu. Letztlich besinnt man sich auf sich selbst: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wirkliches und Ausgedachtes, Fantastisches, Gegenwärtiges, Vergangenes und vielleicht Zukünftiges wie auch Überlegungen und Gefühle, bildliche Vorstellungen und Werten stoßen gedanklich aufeinander. Sie bilden ein oft buntes, manchmal wirres "Feld von Erinnerungen";  als literarische Präsentationen sind sie dabei zu lesen als Fiktion, als Ergebnis sprachlicher Auseinandersetzung, als sprachlich-gedankliche Konstruktion von Wirklichkeit. Und Gegenstand dieser Dichtung sind der Mensch, der diese Orte bewohnt, der diese geschichtlich beeinflussten Landschaften Europas bevölkert, und seine Beziehungen zu seiner Stadt, seiner Landschaft, ja seinem Land. Gegenstand der schriftstellerischen Texte sind daher seine Wünsche, Träume, Visionen, seine Entdeckungen, die Widersprüche, mit denen er in dieser Zeit leben muss, die er zu bewältigen versucht oder an denen er zerbricht .......

Der Schriftsteller Stefan ChwinEs war also vor diesem Hintergrund aus unserer Sicht zu prüfen, inwieweit es bezogen auf das beabsichtigte gemeinsame Kooperationsvorhaben so etwas wie eine gemeinsame "literarische Landschaft" der polnischen und deutschen Literatur geben könnte. Bei der Beschäftigung mit neuerer deutscher und polnischer Literatur stießen wir hier schließlich auf das Werk des 1949 geborenen, in Danzig lebenden und an der Universität Danzig lehrenden polnischen Schriftstellers Stefan Chwin, dessen Roman "Tod in Danzig" in jüngster Vergangenheit sowohl in Polen als auch in Deutschland zahlreiche Auszeichnungen erhielt:

Im Zentrum von Chwins Roman steht einerseits ein deutscher Pathologe mit öffentlicher Danziger Vorgeschichte und zum  anderen eine polnische Familie, die als heimatvertriebene Polen der sog. "kresy", den von Rußland besetzten Ostgebieten", nach Danzig Das Rechtsstädtische Rathaus von Gdansk gelangen, um als Überlebende der Deportationen, des Warschauer Aufstands und der Lager eine neue Existenz zu suchen, eine neue Existenz inmitten der von den geflüchteten Deutschen zurückgelassenen und als fremdartig empfundenen Dinge, den Zeugnissen einer untergegangenen Welt. Auch Hannemann, der polnisch sprechende Deutsche, der über Probleme menschlicher Existenz Nachdenkende und von einer Art innerer Lähmung Befallene, bleibt zunächst. In der Ulica Grottgera, wie die Lessingstraße jetzt heißt, und erlebt die allmähliche Der Neptunsbrunnen vor dem Danziger Artushof Verwandlung Danzigs in eine polnische Stadt, in der sich die Geschichten der alten und neuen Bewohner zu verflechten beginnen  ...
Chwins Roman, der in vielfältigster literarischer Spiegelung  die traumatischen Erinnerungen und Lebensverhältnisse der Angehörigen der polnischen und deutschen Nation nach 1945 zu thematisiert sucht, ist vor diesem Hintergrund einzuordnen in eine literarische  "Geschichte des Verlusts", die die Jahrhunderterfahrungen der Entwurzelung und des gewaltsamen Heimatverlustes dabei zugleich begreift als eine zutiefst "europäische Verlusterfahrung".  Insofern "Literatur" dabei verstanden wird als "Gedächtnisort des Traumatischen" geht es Stefan Chwin darum, die großen und kleinen Geschichten der Erlebnisse  seiner deutschen und polnischen Protagonisten zu präsentieren, die als "Topografien des Verlusts" nebeneinander erzählt und gehört werden sollen ("Eine Stadt, zwei Erinnerungen"). Deutlich werden soll dabei , dass Erinnerung auf unterschiedliche Weise und in verschiedensten Formen existiert. "Erinnerung" ist dabei vorhanden in Bildern, Dokumenten, in "mental maps", die in einer inneren Plakat zu Stanislaw Ignacy Witkiewicz, den "Maler" aus Stefan Chwins Roman "Tod in Danzig" Topografie des Erzählens als private und individuelle Erinnerung, als öffentliches Gedenken, als Erzählung in der Familie und Weitergabe von Wissen zwischen den Generationen, in Bildern von der verlorenen Heimat, von Städten und Landschaften und in Bildern von Tod und Zerstörung nebeneinander existieren. Insofern sich in Chwins Romanwerk in vielfältiger literarischer Spiegelung die Erinnerungen und Lebensverhältnisse der Angehörigen der polnischen und deutschen Nation zu  verschränken beginnen, eröffnet sich damit zugleich die Chance Das Danziger Zeughaus zum besseren Verstehen der Standpunkte des "Anderen", zur Einübung einer Haltung, durch die festgefahrene Vorurteile und Besserwisserei eingeschränkt werden, dem Fremden das Feindliche genommen werden kann: "Das Fremde ist anderes und mehr nicht!" - Literatur als "Gedächtnisort des Traumatischen" könnte so zugleich zur Vision gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Polen und Deutschland, zu einer europäischen Vision werden.

 

 

 

Die Projektziele und die angestrebten Arbeitsformen

Erkläre mir und ich werde vergessen 
Zeige mir und ich werde mich erinnern 
Beteilige mich und ich werde verstehen
(Konfuzius)


Die Grundüberlegungen der deutschen und polnischen Projektleitung gingen dahin, dass die jeweiligen deutschen und polnischen Schülergruppen parallel im Deutschunterricht das literarische Werk Stefan Chwins erarbeiten sollten. Vermittels eMail-Kommunikation sollten dabei die Arbeitsergebnisse der jeweils nationalen Arbeitsgruppen während gesonderter Teamsitzungen übermittelt und ausgetauscht werden. Übergeordnetes Projektziel sollte dabei abschließend die Erstellung einer gemeinsamen deutsch-polnischen WebSite zum Literaturprojekt sein, die die Arbeitsergebnisse der nationalen und auch national gemischten Arbeitsgruppen zusammenfassend präsentiert:

Da sowohl auf der polnischen als auch auf der deutschen Seite davon ausgegangen werden konnte, dass für ein Verständnis der Romanhandlung zahlreiche Hintergrundinformationen erforderlich sein würden, sollten die Projektgruppen im Laufe ihrer Projektarbeit darüber hinaus gezielt Materialien zur Analyse und zum Verständnis der Romanhandlung sukzessive zusammentragen, wobei sowohl in Bibliotheken als auch im Internet recherchiert werden sollte.


Stanislaw I. Witkiewicz Um des Weiteren bei der Romanbearbeitung zu möglichst vielfältigen und breit gestreuten Aufgaben, Ergebnissen, Textzugangs- und Verarbeitungsmöglichkeiten zu gelangen, sollte zusammen mit den Projektteilnehmern ein mehrgleisiges Verfahren gewählt werden. Grundüberlegung dabei war, die Projektteilnehmern neben einer kognitiv analytischen Umgangsweise mit dem Roman dazu zu motivieren, "kreativ handelnd" zu reagieren, indem im fortlaufenden Unterricht zu diesem Zweck ein sogenannter "Fotoroman" als eigenes interpretatorisches Produkt erstellt werden sollte, um anhand der Fotogestaltung sowie der auf die  einzelnen Fotos bezogenen Textgestaltung Handlung und Intention des Romans zu verdeutlichen (Text-Bild-Collagen). Begleitet werden sollte die Entwicklung dieses Fotoromans von der Erstellung einer "Literaturzeitung", vermittels derer durch schreibendes Reagieren auf einzelne Aspekte der Romanhandlung verschiedene Schwerpunkte, die der Fotoroman nicht aufzugreifen in der Lage sein würde, vertieft werden konnten. 


Intendierte Schreib- und Gestaltungsaufträge als Elemente kreativen Schreibens (Auswahl):

Die während des Projektjahres durchzuführenden Austauschbegegnungen (inkl. Vor- und Nachbereitung) sollten vor diesem Hintergrund projektbezogenen Charakter haben, wobei es sich bei den Austauschgruppen um geschlossene Projektaustauschgruppen handeln würde. Eine dieser gemeinsame Projektaustauschbegegnungen sollte dabei in Danzig stattfinden und eine Diskussionsveranstaltung/ein Zusammentreffen mit dem polnischen Autor Stefan Chwin im Rahmen einer Autorenlesung zum Ziel haben.

 

 

Der Projektantrag und die Auszeichnung durch die Robert Bosch Stiftung
("Junge Wege in Europa")

Aufgrund des im Februar 1999 von der deutschen Projektleitung eingereichten Projektantrages "Eurokult: Literarische Landschaften in Europa" hat die Robert Bosch Stiftung Stuttgart das Projektvorhaben aus insgesamt 267 Bewerbungen ausgewählt und es mit Wirkung vom Juli 1999 als eines von zwei (!) in Niedersachsen ausgewählten Förderprojekten in den Förderwettbewerb "Junge Wege in Europa"  aufgenommen;  für die Realisierung dieses gemeinsamen deutsch-polnischen Literaturprojekts sind projekt- und zweckgebundene Fördermittel in Höhe von DM 21.000 zur Verfügung gestellt worden. 

 

 

Die Arbeit am Projektvorhaben

Die Startvoraussetzungen für die Realisierung des Projektvorhabens erwiesen sich als denkbar ungünstig. Bedingt durch die unterschiedlichen deutsch-polnischen Sommerferientermine konnte die Arbeit am Projektvorhaben auf polnischer Seite erst mit ca. eineinhalbmonatiger Verspätung beginnen, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die textimmanente Erarbeitung des Romans von Stefan Chwin auf deutscher Seite auch in motivationaler Hinsicht bereits abgeschlossen war. Die Arbeit am Romankontext erwies sich insgesamt als schwieriger als erwartet, da insbesondere den deutschen Schülern zahlreiche Kenntnisse und Hintergrundinformationen zur polnisch-deutschen Geschichte dieses multikulturellen Kulturraumes Danzig nahezu vollständig fehlten (u.a. Vertreibung der Deutschen aus Danzig, Inbesitznahme des freigewordenen städtischen Raumes durch Ostpolen, die ihrerseits von der Roten Armee aus den ehemals polnischen "kresy" vertrieben wurden); auch die Romanthematik erwies sich in ihrer philosophischen Dimension als nicht für alle Projektteilnehmer durchschaubar, insofern es nur vordergründig um die Lebensproblematik eines augenscheinlich suizidgefährdeten Protagonisten ging, mit dem sich zu identifizieren einige Schüler Probleme hatten. Die von Chwin zugleich skizzierte Suche nach dem Leben, welche wesentlich auf der Auffassung von der Wandel- und Veränderbarkeit eines Individuums beruht, das sich vorurteilsfrei und lebensoffen neuen Gegebenheiten anpasst ("Das Fremde ist anders, mehr nicht!"), konnte aufgrund dieser anfänglich nicht vorhandenen Hintergrund-informationen nicht von allen deutschen Projektteilnehmern in letzter Konsequenz in gleichem Maße nachvollzogen werden. 

Zu diesen inhaltlichen Erarbeitungsschwierigkeiten kamen auf beiden Seiten zahlreiche organisatorische Hindernisse. Der Austausch von Teilprojektergebnissen wurde mehrfach verschoben, da auf polnischer und deutscher Seite zu diesem Zeitpunkt nur wenige über private eMail-Adressen verfügten bzw. eine frei zugängliche Arbeit im Computerraum auf polnischer Seite nicht möglich war. 

Nach den Herbstferien war es zudem nicht möglich, das geplante erste Kontakttreffen in Breslau durchzuführen, da die deutschen Projektteilnehmer durch Klausurtermine gebunden waren und die polnischen Schüler ab Ende November 1999 mit den Vorbereitungen für das von ihnen abzulegende deutsche Sprachdiplom zu beginnen hatten. 

Der zu diesem Zeitpunkt von deutscher Seite zunächst ins Auge gefasste Ersatzbegegnungstermin im Februar 2000 musste schließlich von deutscher Seite erneut verschoben werden, da die Projektteilnehmer des Leistungskurses ab Ende Februar 2000 durch die Vorarbeiten zur Facharbeit so sehr eingebunden waren, dass eine Projektweiterarbeit zu diesem Zeitpunkt bis zu den Osterferien 2000 auf deutscher Seite im Kurszusammenhang nicht mehr möglich war. Die Zeit nach den Osterferien 2000 wiederum konnte auf polnischer Seite wegen der bevorstehenden Abiturprüfungen ebenfalls nicht zur Projektarbeit genutzt werden, darüber hinaus sahen sich die deutschen Projektteilnehmer nunmehr erneut durch objektiv gegebene Klausurzwänge nicht in der Lage, einen Begegnungstermin mit der polnischen Gruppe wahrzunehmen und ein gemeinsames Treffen in Danzig zu realisieren. Selbst die vom DPJW Warschau kurzfristig eröffnete Teilnahmemöglichkeit an einem  Europa-Seminar in Danzig  in Danzig und einer Diskussionsrunde mit dem Autor Stefan Chwin (siehe hierzu entsprechenden Bericht in dieser Ausgabe) konnte aus den o.a. Gründen nur von Teilen der deutschen Projektgruppe wahrgenommen werden. 

 


 

Fazit und Ausblick 

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen dieses Projektjahres muss m.E. davon ausgegangen werden, dass in der intendierten Form eine Umsetzung des Projektvorhabens in einer Lerngruppe des 12. Jahrgangs auf deutscher Seite während des regulären Unterrichts augenscheinlich nicht möglich ist. Zu problematisieren bliebe hier grundsätzlich auch, inwieweit im Kurszusammenhang hier überhaupt an einem gemeinsamen Projektthema gearbeitet werden kann, insofern erfahrungsgemäß nicht grundsätzlich alle Kursteilnehmer/-innen über eine entsprechende intrinsische Motivation und Zeit verfügen, sich mit der Geographie, Historie und Kultur unseres europäischen Nachbarlandes Polen ebenso intensiv auseinanderzusetzen, wie sie dies normalerweise eher in bezug auf andere westeuropäische Nachbarländer mitunter zu tun pflegen. Wie schrieb doch bereits im 18. Jahrhundert Lorenz Mitzler von Koloff (1711-1778), der am Hofe des letzten polnischen Königs Stanislaw August Poniatowski lebende deutsche Vertreter der Aufklärung:

"Es ist schade, daß so wenig Ausländer der polnischen Sprache mächtig sind und sich keinen Begriff von den polnischen Musen machen können. Die meisten stecken in dem Vorurtheil, daß ein polnisches Gedicht nicht so schön wie ein französisches oder deutsches seyn könnte, weil ihnen die Sprache selber rauh vorkommt. Es ist aber dies alles eine Einbildung." 

Diese Einbildung hat vielerlei Gründe, die hier nun auszudifferenzieren wären und die gleichwohl aus Platzgründen hier nicht weiter vertieft werden können.

Mir scheint im Zusammenhang mit Projektarbeit und Projektarbeitsbereitschaft jedoch noch ein anderer Aspekt von Bedeutung zu sein, den ich jüngst in einer der zahlreichen und vom Layout her hübsch anzusehenden Publikationen des niedersächsischen Kultusministeriums gefunden habe.

Dort heißt es auf einer farbig gestalteten und mit animierten Icons versehenen WebSite, dass "Schule ... lebendig und in Bewegung (bleibt), wenn es neben dem Unterrichtsalltag auch immer wieder Zeit und Raum gibt z.B. für offene Fragen, für Experimente, für neue Kontakte, für die Öffnung nach außen und innen." Auch soll das "Lernen und Lehren mit allen Sinnen" gefördert werden, um ein "vielfältiges Schulleben" zu gestalten. 

Ein hehrer Anspruch, doch wie sieht letztlich nur allzu häufig die ernüchternde Realität aus? 

Starre Organisation und nur schwer beeinflussbare Vorgaben (Erlasse und Verordnungen; Zwänge des Klausurenplans; Notengebung und Stofforientierung; neue Unterrichtsformen und Möglichkeiten der flexiblen Schulfahrtenplanung; verplante Freizeit von Schülerinnen und Schülern vs. Möglichkeiten zur Wahrnehmung außerunterrichtlicher Aktivitäten usw.) behindern in ihrer primären "Stofforientierung" häufig Möglichkeiten, solche Lernarrangements zu treffen, in denen Schüler/-innen tatsächlich auch ein selbstständiges Lernen und/oder ein eigenständiges Finden von Problemlösungen ermöglicht werden. In einem Schulsystem, in dem bis auf Weiteres die stofforientierte Vermittlung von Unterrichtsinhalten in Form von Frontalunterricht dominiert, gilt mit Manfred Lengen freilich hier auch: "Nach meiner Erfahrung und Überzeugung ist es ein langer und steiniger Weg, bis Schüler in der Lage sind, ihr Lernen selbst zu organisieren."  

So wäre es wünschenswert, wenn im Zusammenhang mit der Entwicklung anderer Formen des Lehrens und Lernens, die eine Abkehr vom lehrerzentrierten und vorwiegend darstellenden Unterricht intendieren, zugleich auch sukzessive und unter Berücksichtigung der an einer Schule gegebenen Bedingungen und Möglichkeiten ein vielfältigeres und weiter gefasstes Verständnis von Leistung entwickelt werden könnte (auf Schüler-, Lehrer- und Elternseite!), das zuallererst nicht nur auf die Erfüllung vorgegebener Normen und Lehrplanziele abzielt, sondern angesichts der Vielfalt des Lernens zugleich auch eine Vielfalt des Umgangs mit Leistungen bewirken könnte. 

Wenn es in der vom Kultusministerium propagierten "bewegten Schule" ernsthaft darum gehen soll, frei und entdeckend zu lernen und gemeinschaftlich zu arbeiten, wenn es mit der Diskussion um die als notwendig angesehene Entwicklung von Lernstrategien, sozialen Fähigkeiten und persönlicher Entwicklung zugleich um Prozesse des Lernens, und nicht nur primär um stofforientierten Wissenserwerb gehen soll, dann müßte m.E. Schule zugleich die verbesserte Möglichkeit eröffnet werden, unter Berücksichtigung der an einer Schule gegebenen Bedingungen und Möglichkeiten über neue Formen der Feststellung, Prüfung, Reflexion, Bewertung, Rückmeldung und Dokumentation von Leistungen umfassender als bisher nachzudenken (z.B. LEB, Portfolios, Leistungsmappen, besondere Lernleistungen und ihre Bewertung; Präsentation und Wahrnehmung von Leistung: Projekttag, Ausstellung, szenische Darstellungen, gestaltendes Arbeiten usw.).

Solange jedoch im Betrieb "Schule" die Frage der Qualitätssicherung von Unterricht in vielfältiger Weise ("stofforientiert") darauf reduziert wird, dass die Anzahl von Klassenarbeiten und Klausuren die zentrale Grundlage für die Erteilung von Zensuren bilden, solange wird sich aus meiner Sicht die allgemeine Unterrichtsqualität nicht wesentlich verbessern und das seitens des Kultusministeriums propagierte Ideal einer "bewegten Schule" ein bunter Farbtupfer und ein schönes Bild in einer Welt der alten Möglichkeiten bleiben.   

In diesem Sinne denke ich, dass aus den o.a. Gründen und unter den gegebenen Bedingungen (soweit ich sie im Einzelfall zu beurteilen vermag) z.Zt. eine Umsetzung derartiger Projektvorhaben hier nicht ohne Weiteres im unterrichtlichen Zusammenhang zu realisieren ist. Inwieweit letztlich außerunterrichtliche Arbeitsgemeinschaften hier eine Lösungsmöglichkeit darstellen (können), zusammen mit interessierten Schülerinnen und Schülern unterrichtsbezogen und themenorientiert zu arbeiten, wird im Einzelfall zu entscheiden und abzuwarten sein. 

Zur Zeit wird in Kooperation mit der polnischen Partnerschule aus Breslau geprüft, in welcher Hinsicht eine Umsetzung und Fortführung des Projektvorhabens im nächsten Schuljahr realisierbar und Erfolg versprechend erscheint; ob oder in welcher Form die für das Projektjahr zur Verfügung gestellten Projektfördermittel dann in Anspruch genommen werden können, bedarf einer noch abzuwartenden Entscheidung der Robert Bosch Stiftung.


© Michael Timpe, Robert Bosch-Projekt LKDe22L 1999/2000 am Gymnasium Ulricianum. Aurich 2000 Stand: 6. Mai 2000